Das schlechte Gewissen und seine Folgen
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„Mami, wann hast Du denn endlich Zeit, mit mir zu spielen? Du hast es doch versprochen!“, quängelt die kleine Emma nun schon eine ganze Weile und so langsam platzt Johanna der Kragen. Sie will unbedingt noch die Mail an ihren Chef zu Ende schreiben und Getränke kaufen muss sie auch noch dringend, weil ihr Mann Felix es mal wieder nicht schaffen wird, er muss Überstunden machen, weil ein Projekt dringend fertig werden muss. Mit ihm hatte sie sich deshalb auch eben schon am Telefon gestritten. „Sofies Mama hat viel mehr Zeit, die basteln immer ganz viel. Ich will auch mal was basteln!“ Emma zieht an Johannas Arm und dann passiert es: „Dann geh doch zu Sofie!“ Emma schaut verstört, verzieht ihr Gesichtchen und beginnt lauthals zu weinen: „Du hast mich gar nicht lieb!“ Und im selben Moment denkt Johanna: „Oh nein, das wollte ich doch gar nicht…“

Ihr kennt das bestimmt alle: Frust aus anderen Lebenslagen oder auch der Ärger, dass etwas nicht so funktioniert, wie wir es uns vorstellen – zu kurze Nächte, zu lange Tage und einfach ausgepowert. Da fehlt es dann gerade nur an einem kurzen, falschen Augenblick oder auch einer unerwarteten, nervigen Antwort, dass wir innerlich sowie äußerlich explodieren. Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, so bekommen unsere Kinder oftmals Ärger ab, den sie gar nicht verursacht haben.

Und kurz drauf: Das schlechte Gewissen. Nach einer solchen Situation oder nach einer Diskussion oder gar einem richtigen Streit mit unseren Kindern oder Partnern. Das eine kommt zum anderen, aus einer Mücke wird ein Elefant gemacht und voilà: Ein hausgemachter Streit ist in vollem Gange. Aber wir sind eben auch nur Menschen und keine Maschinen. Job, Haushalt, Familie und unsere eigenen Bedürfnisse sowie die unseres Partners alle unter einen Hut zu bekommen, verlangt von uns oftmals Übermächtiges: Die perfekte Mutter, die grandiose Hausfrau, die nette, adrette Ehefrau, perfekt in Shape, immer gut gelaunt, top im Job und natürlich nicht alternd. Und zu guter Letzt: Absolut 100 Prozent loyal zu unseren Kindern. Der führsorgende und treue Ehemann, der Arbeitskollege, der immer 110 Prozent auf der Arbeit gibt, um nicht schwach zu wirken. Das ist Fantasie und Träumerei! Und nicht zuletzt sorgt das für einen ordentlichen Druck und bietet enormes Streitpotenzial.

Das spüren auch Johanna und Felix am eigenen Leibe: Ihre heile Familie gerät dadurch gewaltig ins Bröckeln. „Eigentlich geht es uns richtig gut, aber ich habe das Gefühl, dass alle an mir zerren und ich keinem wirklich gerecht werden kann“, sagt Johanna. „Felix und ich, wir haben mittlerweile oft Meinungsverschiedenheiten, aber eigentlich nur über Unwesentlichkeiten. Aber dadurch ist die Stimmung doch häufig sehr angespannt. Und das bekommt auch Emma zu spüren.“ 

Ein schlechtes Gewissen entsteht eigentlich fast immer und überall: Man hat seine Kinder angeschrien, weil man genervt und kaputt war. Man hat den Partner warten lassen, weil man Überstunden machen musste. Vielleicht hat man auch mal vergessen, fristgerecht auf die Mail vom Chef zu antworten, weil man sich endlich mal Zeit für die Familie nehmen wollte. Man hat den Geburtstag der Freundin vergessen oder eine Verabredung. Das sind nur wenige Beispiele für ein schlechtes Gewissen. Man möchte allen gerecht werden, aber das gelingt nur in den wenigsten Fällen. Fest steht, dass man sich selbst dadurch zu oft vergisst und das schlechte Gewissen ständiger Begleiter im Alltag wird. Das schlechte Gewissen beeinflusst unsere Gefühlslage und Entscheidungen.

Was ist ein schlechtes Gewissen ist und wie zeigt sich das schlechte Gewissen?

Unser Gewissen ist eine gute Einrichtung: Es lässt uns zwischen richtig und falsch unterscheiden und kann uns auch vor potenziellen Fehlern und schlechten Entscheidungen warnen und bewahren. Wir können ableiten, welche Handlungen wir ausführen und welche wir besser unterlassen sollten. Unser Gewissen ist also meist sehr hilfreich. Wie bei allem gibt es aber auch hier eine Kehrseite.

Das schlechte Gewissen ist ein negatives Gefühl, das z. B. nach einer falsch empfundenen Handlung auftritt. Unsere eigenen inneren Werte, unser Anspruch, passen dann nicht zu unserem Verhalten. Das penetrante Gefühl, dass man es hätte anders machen können, tritt auf. Das man es hätte besser machen können. Sobald sich dieser Gedanke in unseren Kopf bohrt, macht sich das schlechte Gewissen breit. Unsere innere Stimme, die uns sagt, dass das, was wir getan haben, falsch war. Dass wir uns deswegen schlecht fühlen sollen, bringt uns dazu, uns für unser Verhalten zu schämen.

Sowohl von innen, aber auch von außen, durch soziale Medien, Werbung, Politik und Religion, bekommen wir dauernd gesagt, dass wir anders sein sollen. Und können dem schlechten Gewissen kaum noch entkommen, werden quasi von ihm getrieben. Alles, was wir tun – oder eben nicht – führt zu einem schlechten Gewissen.

Wie kann man gegen das schlechte Gewissen vorgehen?

Eigentlich wollen wir ein schlechtes Gewissen schnellstmöglich loswerden. Meist schauen wir deshalb gar nicht richtig hin, sondern versuchen es zu überspielen oder zu verdrängen. Aber sollten wir es nicht besser annehmen und versuchen es zu verstehen? Wir meinen: Ja!

Hierzu folgende Tipps:

  • In erster Instanz sich selbst vergeben
    Wir dürfen Fehler machen und genau an diesem Punkt sollten wir ansetzen. Was immer auch passiert und warum es passiert ist: Wir sollten uns in erster Instanz selbst vergeben. Seien gnädig zu uns und erkennen, dass wir nicht perfekt sein können und müssen. Gestehen wir uns ein, dass es eben solche und solche Tage im Leben gibt. Dass es mal so richtig gut läuft und dann eben auch mal wieder nicht, ist ganz normal und gehört einfach zum Leben dazu. Wie unsere Mütter, wie unsere Großmütter und wie auch unsere Kinder später, werden wir immer und immer wieder Fehler machen. Wir werden immer wieder dieses schlechte Gewissen haben und uns im Nachhinein fragen: warum? Es war doch eigentlich gar nicht so schlimm. Warum haben wir unser Wochenendprogramm nicht so durchgeführt, wie wir es geplant hatten? Nur, weil eins der Kinder nicht lernen wollte, wie ich es vielleicht gerne gesehen hätte? Um ehrlich zu sein: Das ist alles nebensächlich.
  • Verantwortung übernehmen
    Wenn wir etwas getan haben, das wir bereuen – und das auch wissen – dann sollten wir auch dazu stehen. Dabei spielt es erst einmal keine Rolle, ob wir einen anderen Menschen durch unser Handeln emotional verletzt haben oder möglicherweise Gewissensbisse gegenüber uns selbst haben, weil wir unseren eigenen Prinzipien nicht gefolgt sind. Für unser Handeln oder auch Nicht-Handeln müssen wir nun einmal geradestehen. Damit geht auch einher, dass wir uns entschuldigen können. Immer ist das nicht leicht. Manchmal ist es sogar das komplette Gegenteil. Man spürt, ob eine Entschuldigung aufrichtig ist und von Herzen kommt. Diese Entschuldigung wird häufig auch gerne angenommen.
  • Dankbar sein
    Vielleicht haben wir etwas von uns zu sehr auf unseren Nachwuchs projiziert, vielleicht überfordern wir manchmal unsere Kinder mit unseren Erwartungen und vielleicht lassen wir einfach zu wenig „einfach mal laufen“. Und daraus folgt das schlechte Gewissen! Im Kern sollte es tatsächlich darum gehen, dass wir uns selbst verzeihen, dass wir anderen vergeben und dass wir dankbar sind für das, was wir haben. Es klingt so unglaublich trivial, aber genauso ist es, wenn wir in erster Instanz anfangen, uns selbst zu verzeihen.
  • Eigene Schwächen akzeptieren
    Wir alle haben andere Schwächen und Stärken – und das ist auch gut so. Also lasst uns unsere Schwächen genauso annehmen, wie auch unsere Stärken. Sie sind schließlich auch ein Teil von uns. Wenn wir sie akzeptieren, können wir besser mit Rückschlägen und Enttäuschen umgehen, sodass wir weniger hart zu uns selbst sind. Das verringert die Gewissensbisse.
  • Das Selbstwertgefühl stärken
    Wenn wir immer wieder zu schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen neigen, wenn wir das Gefühl haben, dass alte Überzeugungen und ein zu geringes Selbstbewusstsein die Gründe dafür sein könnten, dann sollten wir an unseren persönlichen Glaubenssätzen arbeiten und uns von alten Belastungen lösen. Hier bieten sich verschiedene Coachings an.

Johanna und Felix haben es schnell geschafft, sich eine Auszeit für sich zu nehmen. „Emma durfte ein Wochenende zu den Großeltern und wir haben uns selbst und unsere Situation quasi durchleuchtet. Wir waren uns glücklicherweise von Anfang einig, dass jeder seinen Anteil an unserer Situation hat und nun auch seinen Beitrag leisten muss, damit es besser wird und wir nicht mehr so häufig ein schlechtes Gewissen haben müssen. Denn Felix hatte ebenfalls ein schlechtes Gewissen, dass er nicht genug Zeit für Emma und mich hatte. Und vor allem haben wir uns vorgenommen, uns schnellstmöglich zu entschuldigen, wenn wir uns zukünftig nicht so verhalten, wie wir es eigentlich von uns erwarten – auch bei Emma.“

Denn auch bei unseren Kindern dürfen wir uns entschuldigen. Entschuldigung sagen dafür, dass auch wir als Eltern nicht perfekt sind. 
Und dass wir das auch gar nicht sein müssen. Sondern dass wir einfach versuchen, jeden Tag etwas besser zu werden und über alles vielleicht etwas mehr nachzudenken. Und wenn es uns mal nicht gelingt, dann versuchen wir es eben morgen und übermorgen – jeden Tag geht die Sonne glücklicherweise wieder auf. Im Rückblick sollten wir die wertvollen sowie schönen Momente sehen und nicht jene, in denen wir uns gestritten haben. Oder jene, in denen wir Dinge gesagt haben, die wir später bereut haben oder auch uns selbst nicht immer treu waren. Wir sollten anfangen, nicht nach hinten zu schauen, sondern nach vorne und den Moment zu leben. Das Schöne ist, dass wir jeden Tag eine neue Chance haben, Dinge in unserem Leben anders, besser oder auch schöner zu machen.

Diagnose: Schlechtes Gewissen – wenn Schuldgefühle krank machen
Auf Dauer können das schlechte Gewissen und die damit verbundenen Gedanken krank machen. „Ach hätte ich doch mal lieber…“ „Warum habe ich das und das nicht anders gemacht?“ Nehmen diese Gedanken überhand, kommen die eigenen Bedürfnisse deutlich zu kurz und häufig auch die Gesundheit. Schuldgefühle können wortwörtlich ganz schön auf den Magen drücken. Jeder reagiert anders, aber wenn körperliche Beschwerden auftreten, Kopfschmerzen, Schlafstörungen etc., spätestens dann ist fachlicher, ärztlicher Rat gefragt.

Perfekt war gestern

Reality bites macht Schluss mit dem Druck, immer performen zu müssen. Ständig das Richtige zu tun, die Beste zu sein oder das Scheinwerferlicht auf sich zu ziehen. Unsere Kinder sollten lernen, dass „Fehler machen“ zum Leben dazu gehört, dass es wichtig ist, authentisch und ehrlich zu sein sowie die beste Version von sich selbst zu leben. Diese Version mit allen Schwächen, Fehlern und schwachen Momenten ist immer besser als der Versuch, eine billige Kopie eines vermeintlichen Vorbildes zu sein. Dies gilt für die Erziehung unserer Kinder, aber auch und gerade für uns selbst.

Johanna und Felix haben zwar immer noch hin und wieder mit ihrem schlechten Gewissen zu kämpfen, weil natürlich alle guten Vorsätze nicht immer klappen. Aber beide erkennen an, dass sie Dinge geändert haben – Felix ist im Job kürzergetreten und unterstützt Johanna stärker im Haushalt und bei der Erziehung, Johanna ist geduldiger mit sich selbst und damit sie auch Zeit für ihren Job hat, hat Johanna mit einer Freundin verabredet, dass die Kinder abwechselnd zusammen spielen. Und die Großeltern springen auch mal ein.

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